Bewertungsmethoden – was taugen sie?

In unserem Wirtschaftsleben kommt es immer wieder zu Situationen, wo ein Gut bewertet werden muss.  Abhängig von der Art des zu bewertenden Gutes und der Situation, die nach einer Bewertung verlangt, gibt es anerkannte Bewertungsmethoden. Auch wenn Sie als Laie diese häufig nicht verstehen und nachvollziehen können, sollten Sie nicht blauäugig jedes Resultat einer Bewertung als gegeben hinnehmen, ohne dieses kritisch zu hinterfragen. Stellen Sie sich immer die Frage, weshalb wird ein Wert benötigt? Genügt und entspricht die gewählte Bewertungsmethode den Anforderungen der vorliegenden Situation?

Eurotaxwert bei Fahrzeugen

Nehmen Sie zum Beispiel den Eurotaxwert bei Fahrzeugen. Für eine schnelle Bewertung können Sie im Internet Fahrzeugtyp, Sonderausstattungen, Jahr der Inbetriebnahme und gefahrene Kilometer erfassen und bekommen ein Resultat ausgespuckt.

Wie viel der Wert taugt, hängt von der Situation ab. Geht es zum Beispiel darum, das Firmenfahrzeug bei Geschäftsaufgabe ins Privatvermögen zu überführen und muss der Wert aus steuerlichen Gründen ermittelt werden, so genügt dieser Wert vollauf.

Wollen Sie hingegen einen Gebrauchtwagen käuflich von Ihrem Kollegen erwerben, so lohnt es sich, ein wenig genauer hinzuschauen. Unabhängig davon, wie gut das besagte Fahrzeug unterhalten wurde, würde bei einem ungepflegten Unfallwagen und einem gut unterhaltenen Fahrzeug bei obiger Methode der gleiche Wert ermittelt.

Unternehmensbewertung

Eine Wissenschaft für sich ist die Bewertung von Unternehmen. Diese werden häufig mit einer sogenannten DCF Methode (DCF für discounted Cashflow) bewertet. Sehr vereinfacht erklärt, wird dabei ein Wert aufgrund zukünftig zu erwartender Resultate ermittelt.

Bei grossen Unternehmen ist dies zweifelsohne richtig. Der Käufer zahlt unter Umständen einen hohen Preis für den Kauf eines Unternehmens, und dazu ist er nur dann bereit, wenn zukünftig  auch entsprechende Erträge anfallen.

Bei einem kleinen, inhabergeführten  KMU, ist der Blick in die Zukunft eher fraglich. Der Erfolg des Unternehmens ist stark mit der Person des Unternehmens verknüpft. Vielleicht hat der Verkäufer Aufträge aufgrund persönlicher Beziehungen (von Verwandten oder Freunden) erhalten und fallen diese in Zukunft weg. Die guten Ergebnisse sind mit der Person des Unternehmers verbunden und ein Käufer des Unternehmens kann nicht automatisch damit rechnen, dass es so weitergeht falls der Verkäufer aus dem Unternehmer ausscheidet und er an dessen Stelle tritt.

Wenn der Unternehmenswert eines kleinen Unternehmens aufgrund einer Ertragswertmethode ermittelt wird, sollten Sie auch ein kritischen Blick auf den Personalaufwand werfen. Häufig kommt dabei ein viel zu hoher Wert heraus, weil die Erfolgsrechnung, die als Basis der Bewertung dient, nicht bereinigt wurde. Hat sich der Inhaber keinen marktkonformen Lohn ausbezahlt, so fallen der Personalaufwand zu tief und der Gewinn zu hoch aus.

Beispiel: Ein Unternehmen weist ein Gewinn von CHF 40‘000 auf. Kapitalisiert mit 8% ergibt  dies einen stolzen Wert von CHF 500‘000 (40‘000/8*100).

Beim genaueren Hinschauen stellen Sie fest, dass der Unternehmer lediglich ein Lohn von CHF 50‘000 bezogen hat.   Aufgrund seiner Ausbildung und seines Arbeitseinsatzes wäre aber ein Lohn vom CHF 80‘000 -100‘000  angebracht.

Korrigiert man den Unternehmerlohn für die Ertragswertberechnung von 50‘ 000 auf 80‘000 so beträgt der bereinigte Gewinn CHF 10‘000. Kapitalisiert mit 8% ergibt sich ein Unternehmenswert von CHF 125‘000. Also nur noch eine Viertel des zuerst aufgrund der unbereinigten Erfolsrechnung ermittelten Wertes.

Das Beispiel zeigt, dass Formeln, die einer Bewertungsmethode zu Grunde liegen, sehr sensibel auf die Veränderung von Variablen regieren können.

Fragen Sie sich also, was sie für den ermittelten Preis tatsächlich bekommen und ob dieser gerechtfertigt ist.

Auch wenn es üblich ist, Unternehmenswerte nach der einen oder andern Ertragswertmethode zu bestimmen,  kann je nach Situation ein Substanzwert dem Sachverhalt gerechter werden. Vielleicht sind Sie primär an den Warenvorräten und dem Maschinenpark eines Unternehmens interessiert. Dann sollten Sie einen Preis bezahlen, der in der Nähe des Wertes dieser Analgen liegt und nicht auf den Ertrag des Unternehmens abstützt.

Ich stelle immer wieder fest, dass sich im KMU Bereich viele Käufer beim Unternehmenskauf nicht oder nur ungenügend beraten lassen. Dabei handelt es sich hier um eine Konstellation, wo gute Beratung viel (Geld) wert ist und die Kosten für die Beratung in der Regel um ein mehrfaches wieder reingeholt werden (durch einen tieferen Kaufpreis resp. nicht eintreffende unliebsamen Überraschungen in der Zukunft, z.B. wen ein marodes Unternehmen gar nicht erst erworben wird).

Darüber, weshalb gerade in diesem Bereich so häufig auf eine gute Beratung verzichtet wird, kann ich nur spekulieren. Mit eine Rolle spielen mag die Tatsache, dass man als Laie die Bewertung nicht versteht oder vielleicht schon Mühe hat, eine Bilanz und Erfolgsrechnung zu verstehen. Weil man sich keine Blösse geben will, hinterfragt man die vom Verkäufer vorgelegten Unterlagen nicht. Dabei zeigt sich (gemäss meiner Auffassung) gerade derjenige als souveräner zukünftiger Unternehmer, der zugibt, dass Unternehmensbewertung nicht zu seinen Kernkompetenzen gehört und der entsprechende Unterstützung beizieht.